André Helbig – SÜNDEN (Fotografien zum gleichnamigen Film von André Helbig)
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Die AUSDRUCKSLOSEN
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Die Geschichte der Yvette Niemand
Die Bilder, die hier an den Wänden hängen, sind von einer Künstlerin, deren Leben sich anhört wie eine fast wahre Geschichte. Eine, die sich jemand ausgedacht haben könnte, als sie oder er zwischen Bergen, einem Meer oder durch Ruinen spaziert ist.
Yvette hieß eigentlich anders. Als sie geboren wurde trug sie noch einen anderen Namen, legte ihn aber ab, um ihre Ruhe vor den Leuten von den Zeitungen zu haben. In Trójmiastro am baltischen Meer wurde sie geboren. Ihr Vater war ein Hafenarbeiter mit großen Händen, einem verhältnismäßig kleinen Kopf, der dafür aber mit einem stattlichen Schnurrbart ausgestattet war. Ihre Mutter war eine einmeterfünzig große Krankenschwester, die fast immer rauchte und vieles aus Papier falten konnte. Yvettes Zimmer hatte ein Loch in der Decke und ab und an schaute der Mond durch dieses Loch. Wie sie nun älter und ihre Zehen länger wurden, da fragte sie sich wie es wohl so sei auf dem Mond. Und da ihr das keiner zu ihrer Zufriedenheit berichten konnte – weder die dicke Eisverkäuferin, der alter Postbote oder sogar der kahlköpfigste Lehrer ihrer Schule. Keiner wusste genug und da beschloss sie selber mal dort hinzureisen.
Ihr Opa sagte immer: „Wenn man ein Ziel hat, dann hat man auch einen Weg“, nur zum Mond konnte man nicht mit dem Bus reisen, oder einfach hin laufen, man musste Kosmonautin werden. Weil Yvette ein Ziel hatte, hatte sie auch einen Weg. Sie lernte kleine Zettel zu beschreiben und so gute Noten in der Schule zu bekommen. Sie spazierte häufig mit einem schnellen Straßenhund und irgendwann ging sie dann auf eine Universität, wurde die jüngste Kosmonautin Polens und wurde für eine Mondexpedition ausgewählt. Als das in der Zeitung stand, da wohnte sie längst woanders. Die Leute aus ihrer Straße, sowie natürlich ihre Eltern waren sehr stolz auf sie, nur kratzte sich der ein oder andere manchmal am Kopf und fragte sich: „Ob das wohl gut geht?“
Viele Nächte hatte sie mit einem kleinen Fernrohr neugierig fragend auf den Mond geschaut, zeichnete aus ihrer Vorstellung Bilder von dort oben, sammelte Karten und Fotos von ihrem Sehnsuchtsort und nun sollte sie endlich selber dorthin reisen.
Sie flog. Mit einer Rakete und ein paar anderen Leuten, und als sie nach ein paar langweiligen Tagen auf der Mondoberfläche zwischen ein paar Kratern landeten, da konnte sie es gar nicht erwarten endlich zu schauen wie es sich so anfühlt, da oben auf dem Mond. Man hüpft höher dort oben, aber das wusste sie bereits aus den Büchern. Überall lagen Staub und Steine herum, ein wenig langweilig, denn keine Pflanzen, Käfer, Postboten, laute Vögel, keine Farben konnte man dort oben finden. Zu essen gab es so etwas wie Zahnpasta mit Brühwürfelaroma, keine Piroggen, kein Eis. Yvette begann sogar den Geruch der Zigaretten ihrer Mutter zu vermissen.
Schön war es nicht auf dem Mond, eher langweilig, denn das einzige was sie und die anderen Leute machten, waren Steine sammeln, Fotos schießen und rumliegen – wie die Leute am Strand im Sommer, nur ohne Meer. Da vermisste sie den Sommer, das Wasser, die Möwen, herumkreischende Kinder die im Sand spielten, den Geruch der Kiefernwälder den man auf dem Weg zum Meer riecht, kurz bevor man durch die Dünen läuft. Jetzt wo sie auf dem Mond war, vermisste sie zum ersten Mal all die Dinge, die man so hat auf der Erde.
Als dann alle genug Fotos geschossen und Steine gesammelt hatten, die letzten Zahnpastatuben leergelutscht waren, da ging es endlich wieder zurück.
Der letzte Teil des Weges zur Erde wurde dann in einem abgesprengtem Teil der Rakete zurückgelegt, der an Fallschirmen hängend auf die Wasseroberfläche herunter schwebte. Dann kamen die Reporter mit Kameras, Politiker die mit auf die Fotos wollten und endlich, nach dem ganzen Händegeschüttel, eine Nacht in einem Hotel.
Doch bevor es Tag wurde, schlich Yvette heimlich aus ihrem Zimmer. Sie nahm sich ein wenig von dem vielen Essen, das vom Büffet des Vortages übriggeblieben war, packte noch schnell einen Pullover sowie eine Decke ein, lief so schnell wie möglich aus dem Hotel die Straße hinunter, aus der Stadt heraus, einen Feldweg abbiegend in den nächsten Wald.
Drei Tage und zwei Nächte später war sie dann wieder am Meer bei einer großen Düne. Wie sie sich umschaute, sah sie einen rauchenden Mann der dort herum saß.
„Wo kommst du denn her?“, fragte er verwundert über diesen frühen Besuch. „Vom Mond!“, antwortete sie. Da musste er lachen, sowie sie auch, weil die Antwort irgendwie stimmte, dann aber doch so seltsam klang.
„Wie ist es denn so dort oben auf dem Mond?“
„Langweilig, Staub, Steine und Tuben zum Lutschen.“
Er wurde neugierig und bat sie die ganze Geschichte zu erzählen, denn er war ein Geschichtenerzähler, der viele, aber dann doch kein richtiges Zuhause hatte. So traf Yvette an diesem Morgen, zwischen den großen Wanderdünen bei Leba, Ernst Niemand. Er kannte die Erde besser als den Mond, erzählte ihr von fernen Ländern, seltsamen Städten, verschiedenfarbigen Meeren, Wüsten. Und da wurde sie ganz neugierig auf die Erde. Er lud sie ein, ein wenig mit ihr zu laufen, die Welten zu entdecken, anderen Vögeln zuzuhören, anderes Essen zu kosten, Gesang in anderen Sprachen zu lauschen und alles was man so erleben und fühlen kann auf der Erde.
Wenn ihr unterwegs langweilig wurde – weil sie zum Beispiel eine Pause wegen zu starken Regens machen mussten – dann zeichnete sie, und dabei meistens Sachen die es so gar nicht gab oder die schwer zu sehen waren.
Sie nahm den Namen Niemand an, nicht weil sie mit Ernst verheiratet war – das wollten beide auf keinen Fall, frei sein war viel besser – sondern weil auf der Straße jeder irgendwie ein Niemand ist, jedoch ein Niemand mit einer Geschichte, so wie Yvette, die vom Mond kam.
Irgendwann, da kam sie durch diese Stadt hier, fand eine Insel auf der sie ein wenig Pause vom Reisen nehmen konnte, kochte mit ein paar fröhlichen Menschen und hinterließ für die Leute dieser Stadt ein paar Bilder. Und manchmal, ja manchmal da sitzt sie hier an der Bar und trinkt einen Pfefferminzlikör. Und wenn man sie erkennt und fragt, dann erzählt sie einem von ihren Geschichten. Geschichten vom Mond und von der Erde. Von den schönen Sachen die es hier gibt, Orte die man nicht von der Autobahn aus sehen kann, Schönheiten die einem nur auffallen wenn man sich ihnen ganz langsam nähert, zum Beispiel durchs Laufen.
Weil Schönheit, Schönheit ist scheu und braucht ihre Zeit um entdeckt zu werden, in einem Lächeln, einem Moment.
Zeit, die man sich auch nehmen kann, um selber kleine Geschichten in den hier ausgestellten Bildern zu erkennen.
Und irgendjemand muss ja Geschichten erzählen, und Niemand erzählt eben Geschichten.