Do 07.11.

20:00 Uhr

LIVE on Stage: Jazzmeile


!!!! ACHTUNG: Programmänderung !!!!

Von rosa Krokodilen aus teutschen Landen!
Ulrich Steinmetzger im Gespräch mit Uli Gumpert über Jazz, Gesellschaft und Politik .

mit freundlicher Unterstützung der Landeszentrale für politische Bildung Thüringen

 

im Anschluss Konzert mit:

 

SILKE EBERHARD / ULRICH GUMPERT 
Peanuts & Vanities
Die Peanuts, diese liebenswerten Kleinigkeiten, von denen manche nicht genug bekommen können. Oder auch das, was für die einen Kleckersummen, für die anderen unerreichbarer Reichtum bedeutet – durch einen deutschen Banker ist der Begriff zum Unwort eines Jahres geworden. Die Peanuts und die Vanities, die Kleinig- und die Nichtigkeiten, weil es im Deutschen ja die Kleinstigkeiten nicht gibt. Bei einem solchen Titel ist Ironie im Spiel, auch Selbstironie, zumindest so etwas wie Augenzwinkern. Dizzy Gillespies skurriles Stück „Salt Peanuts“, einer der raren Vokaltitel des Bebop, gerät zu Fixpunkten im Fluss des freien Musizierens. Und damit sich diese zu einer gedanklichen Klammer schließen, gibt’s zum Rauswurf  noch „The Peanut Vendor“ – ein Standard, ursprünglich der Ausruf eines Straßenverkäufers,  ein kubanischer Song, der in den vierziger Jahren nach den USA und Europa schwappte und eine Rumba-Hysterie auslöste. Stan Kenton hat den Titel orchestriert, Louis Armstrong hat ihn gesungen, und Django Reinhardt hat ihn auf der Gitarre gespielt. Im Zusammenhang mit den hier veröffentlichten Duo-Aufnahmen von Silke Eberhard und Ulrich Gumpert sei darauf hingewiesen, dass mit „Salt Peanuts“ und „The Peanut Vendor“ alle auffindbaren Jazzstücke mit dem Begriff „Peanuts“ auf einem Album erscheinen. Es gibt nur diese beiden. Doch die „Peanuts“ sind in der Tat nicht das Essentielle dieser Einspielung, die sich ansonsten der Verankerung im Thematischen entzieht und dem Zitieren entsagt. Was die beiden – Silke Eberhard und Ulrich Gumpert – hier tun, ist Musik erfinden, indem sie einander zuhören und aufeinander reagieren. Instant composing hat man das einmal genannt, und der Begriff ist gar nicht so schlecht.

Zur Vorgeschichte. Der Produzent Ulli Blobel erzählt sie so: Warum, habe er Ulrich Gumpert einmal gefragt, spielt Silke Eberhard eigentlich nicht in deiner Workshop-Band? Und Uli habe die Schultern gezuckt und das nächst Beste, wenn nicht vielleicht überhaupt das Beste unternommen: ein Duo mit der Saxophonistin. Ulrich Gumpert sagt, seine Workshop Band sei halt schon handverlesen besetzt gewesen. Doch das Talent der Silke Eberhard habe er gleich erkannt, deshalb auch spielt er seit Jahren mit ihr im Orgel-Quartett „B3 Special“. Im Februar 2010 kam es dann im Jazzwerkstatt Café in Berlin zu einer ersten Duo-Begegnung. Da kreuzten sich zwei Wege an einem Punkt, an dem wundersame Töne entstanden. Ulrich Gumpert, der die ganze Jazztradition verinnerlicht und einen gänzlich eigenen Umgang mit Klängen aus Geschichte und Gegenwart entwickelt hat, im Verein mit Silke Eberhard, die mit Aki Takase die „Ornette Coleman Anthology“ einspielte und mit ihrer Band „Potsa Lotsa“ das Gesamtwerk von Eric Dolphy neu ausgeleuchtet. Eine Musikerin, aufgewachsen im tiefen Baden-Württemberg mit einem Musiker aus Thüringen, der schon vor Jahrzehnten in Ost-Berlin eine kleine Free-Jazz-Revolution anzettelte. Die beiden – Silke Eberhard und Ulrich Gumpert – kommen nicht nur aus unterschiedlichen Gegenden und sozialen Umfeldern, ihre Geburtsjahrgänge liegen auch um eine großen Sprung auseinander. Dennoch gibt es so viele Gemeinsamkeiten, dass man staunen kann. Die erwähnte Beschäftigung mit der Jazztradition und ein innovativer Umgang mit dieser zählt ebenso dazu wie die frühe Erfahrung mit Tanz- bzw. Blasmusik und die musikalische Unterweisung durch die Väter in den jeweiligen Familien. Beide. Silke Eberhard und Ulrich Gumpert, haben individuelle Zugänge zu einer Art von Jazzmusik gefunden, die sich frei, aber nicht vorsausetzungslos entfaltet. Bemerkenswert auch beider Affinität zum Duo. Silke Eberhard fand einen gemeinsamen Nenner mit Pianistinnen und Pianisten, mit Aki Takase und mit Dave Burrell. Ulrich Gumpert  spielt seit drei Jahrzehnten im Duo mit dem Schlagzeuger Günter Baby Sommer von „The Old Song“ und „Versäumnisse“ bis zu „Das Donnernde Leben und „La Paloma“. Und er hatte sich auf gemeinsame Dialoge mit dem großen, ganz in der Tradition von Thelonious Monk verwurzelten, diese immer wieder zu neuen Klangplastiken formenden Sopransaxophonisten Steve Lacy eingelassen, in jüngerer Zeit auch auf ein Duo mit dem Schweizer Saxophonisten Jürg Wickihalder.

Silke Eberhard und Ulrich Gumpert, Ende Februar, Anfang März 2011 im Saal 3 des rbb in der Berliner Masurenallee. Beste Bedingungen, ein exzellentes Piano, ein sensibles Team an der Technik, ein Raum der Konzentration. Keine Stücke, fertig, los! Der Klang des Altsaxophons verwebt sich mit dem des Pianos – so gut, dass die Klarinette diesmal im Köfferchen bleibt. Die emotionalen Linien verbinden sich zu einer glücklichen Fügung. Bei aller Dichte des Spiels gibt es ein Höchstmaß an Transparenz. Diese Art des Musizierens erinnert an Lennie Tristano und Lee Konitz, die bereits Ende der vierziger Jahre „frei“ gespielt haben – lange bevor der Begriff „Free Jazz“ in Umlauf kam. Im Unterschied zur kraftstrotzenden Geste in den sechziger Jahren ging es dem Kreis von Tristano um filigrane, spontan kreierte Kammermusik – bezeichnend mit Titeln wie „Intuition“ oder „Subconscious-Lee“. Doch die Jazzgeschichte wiederholt sich nicht. Silke Eberhard und Ulrich Gumpert sind keine Retro-Spieler, beide musizieren aus den Erfahrungen ihrer Biographien heraus. Dazu zählt aber auch, dass sich Silke Eberhard in der Band „Tristano 317“, einer Quartettbesetzung mit Aki Takase, intensiv mit Stücken Lennie Tristanos beschäftigt hat. Ulrich Gumpert wiederum ist aufs Engste vertraut mit „Klassikern“ wie Thelonious Monk und Charles Mingus. Das Duo mit Silke Eberhard springt jedoch ab vom Groove-Train, bewegt sich auf Pfade, für die es keine Landkarte gibt. Das klingt frei und frisch und neu und noch immer nach Jazz. Zum Schluss „The Peanut Vendor“, ein Winke-Winke mit dem weißen Taschentuch.


Eintritt: 6 € ermäßigt / 9 €


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